

Malene Vest Hansen: Nordic Horizontalism: Politisierte Positionen zum Alltag
 

Der Alltag steht bei Künstlern
wieder hoch im Kurs. Seit den 1960er - 1970er Jahren beschäftigen sich eine Reihe von
bildenden Künstlern intensiv mit der "wirklichen Welt" außerhalb der rein ästhetischen
Sphäre der Kunst. Die typischerweise konzeptuell basierten Werke sind in "nicht -
künstlerischen" Materialien und Medien ausgeführt. Es wird mit Installationen, industriell
produzierten Materialien und zu einem überwiegendem Teil in "dokumentarischen" Medien, wie
Fotografie und Video, und hier gerne gewollt amateurhaft, gearbeitet. Die Kunstwerke
zielen kurz gesagt auf Kommunikation, statt auf den privaten kontemplativen Kunstgenuss.
Es wird wieder von einer Politisierung der Kunst gesprochen. Aber dieser Art Kunst steht
in keiner Opposition zur etablierten Kunstwelt. Der Konzeptualismus ist tief und
international in der Kunst des "post-medialen Zeitalters", wie es die Kunsthistorikerin
Rosalind Krauss genannt hat, verankert. Die Politisierung zielt deshalb nicht auf eine
radikale Kritik der Kunstinstitutionen ab, sondern auf einen künstlerischen Ausdruck
kultureller Veränderungen im Verständnis von Identität, Ort und sozialer Umwelt,
einschließlich der Welt der Kunst. Die Kunstinstitutionen werden als einen Ort für
Diskussionen und als eine Bühne für Kritik und Selbstkritik gesehen, die oft selbst
Künstler einladen um kritische Positionen vorzutragen.
Der Konzeptualismus - in all seinen vielgestaltigen Materialisierungen - steht im
Rampenlicht der internationalen Kunstszene. Die Künstler reisen wie nie zuvor und haben
durch Wanderausstellungen, die Medien, und in einem hohen Grad auch durch persönliche
Kontakte im Internet, durch Kunstmessen, Biennalen und Auslandsaufenthalte Zugang zur
künstlerischen Produktion anderer Erdteile. Die ausgedehnten Auslandsaufenthalte der
nordischen Künstler werden oft durch öffentliche Mittel ermöglich. Die Welt der Kunst
ähnelt heute dem von McLuhan in den 1960er Jahren proklamierten "globalen Dorf". Aber
paradoxerweise wird parallel zu dieser überwältigenden Nähe und dem unmittelbaren Kontakt
zu internationalen Strömungen Wert auf eine lokale Eigenart gelegt. Das Interesse für
lokale Besonderheiten und multikulturelle Unterschiede hat das Interesse auf Kunstzentren
außerhalb der früher dominierenden Fixpunkte gelenkt. Hier hat der Norden viel
internationale Aufmerksamkeit erhalten. Die skandinavische Kunstszene präsentiert und
konstituiert sich in Ausstellungen, Zeitschriften und Büchern, wie zum Beispiel in der
kürzlich erschienenen Essay-Sammlung nordischer Künstler "We are all normal (and we want
our freedom). Mit den unterschiedlichen Manifestationen stellt sich die Frage: Was ist das
charakteristische der Nordischen Kunst? Zeigt sich das nordische Wohlfahrtsstaatsmodell
auf eine bestimmte Weise? Welche kritische Position kann die künstlerische Praxis einer
sich wandelnden Gesellschaft anbieten? Kann man überhaupt von einem spezifisch Nordischem
Ausdruck in der Kunst sprechen? Reflektieren die Kunstwerke eine lokale oder ethnische
Zugehörigkeit? Eine Ausstellung wie CLOCKWISE - Neue Gegenwartskunst aus dem Norden
beantwortet diese Fragen nicht. Aber die kleine Auswahl von Werken von Künstlern die im
Norden leben, eröffnet Einblicke in die kulturellen Veränderungen die in unserem Teil der
Welt stattfinden.
"Das Politische ist Persönlich" - eine Abwandelung des feministischen Schlagwortes "Das
Persönliche ist Politisch" aus den 1970er Jahren - beschreibt sehr gut eine der
wichtigsten Strategien von CLOCKWISE. Simone Åberg Kærn ist als eine Künstlerin bekannt
geworden, die eine Ausbildung zur Pilotin absolviert hat und die in ihrer Kunst mit
anderen Pilotinnen arbeitet. Ein Beruf, der auch im Norden, der sich gern mit der
Gleichstellung von Mann und Frau brüstet, als ausgesprochene Männerdomäne aufgefasst wird.
In dem Dokumentarvideo "Taraneh aims for the stars" treffen wir auf eine Frau "aus dem
wirklichen Leben". Taraneh (Akram Monfared Arya) aus Stockholm ist Kandidatin der
Sozialdemokraten bei der Reichstagswahl. Ihr Weg dahin war lang und voller Umwege. Er
begann im Iran, wo sie, als Mutter von fünf Kindern, die erste weibliche Pilotin wurde. In
Schweden arbeitete sie zunächst in mehr bodenständigen Bereichen: als Chefin einer
Pizzeria und als Kassiererin in einem Supermarkt. Nun hat sie wieder hochfliegende Pläne,
diesmal in der Politik. Diese kurz erzählte Lebensgeschichte handelt von einer bestimmten
und außergewöhnlichen Persönlichkeit, die auf Grund dramatischer politische Veränderungen
gezwungen wurde, radikale Entscheidungen für ihr weiteres Leben zu treffen. Aber sie
berührt auch generelle Aspekte von Auswahl bei der heutigen Identitätsbildung. In der
post-traditionellen Gesellschaft, wo überlieferte Traditionen nicht mehr
selbstverständliche Modelle für Lebensführung sind, muss der Einzelne seine Identität
selbst erschaffen und steht dabei einer ständig wachsenden Anzahl von Wahlmöglichkeiten
auf allen Ebenen gegenüber: Angefangen von Beruf und Sexualität bis zu Stilfragen von
Kleidung, Musik und Essen. Und für Einige beinhaltet dies auch die erzwungene Wahl eines
Landes oder einer Kultur. Die Prozesse der Globalisierung verändern die Lebensbedingungen
und dringen tief in das Selbstverständnis des Einzelnen ein. Aber umgekehrt beeinflusst
auch die Selbstverwirklichung des Einzelnen und seine tagtägliche Wahl globale Strategien,
ob man sich dessen bewusst ist oder nicht. Der Britische Soziologe Anthony Giddens nannte
diese alltäglichen Identitätsprozesse "life style politics".
Auch Lilibeth Cuenca Rasmussen untersucht in ihrem Video die lokalen und globalen
Veränderungen im Leben gewöhnlicher Frauen. Die dänische Künstlerin ist in ihr
Geburtsland, die Philippinen, zurückgekehrt und filmte ihre Großmutter. Die beiden Frauen
- die Fotografierende und die Fotografierte - werden kontrastiert. Zwei Generationen
derselben Familie, aber aus verschiedenen Teilen der Welt, mit unterschiedlichen
Einstellungen zu Traditionen und religiösen Ritualen. Das Video stellt Szenen der
persönlichen Familiengeschichte und Beobachtungen aus einem ethnologischen Blickwinkel
gegenüber.
Colonels verschiedene Werke kommentieren ganz offen Identitätsprobleme mit Blick auf
kulturelle Unterschiede und Abgrenzungen, sowohl in der Kunstszene, wie auch im
öffentlichen Raum. Er untersucht das Sichtbare und die innere und äußere Identität durch
seinen außergewöhnlichen Umgang mit Kleidung. In den Serien "L` imperméable" und "Garde
robe retrospectif" bildet Stoff die Grundlage für die Untersuchung von Kunstwerken (z.B.
Leinwand, Rahmen, usw.) und für die Identität des Künstlers. In seinen Videos operiert er
unterdessen mit einer "ethnographischen Strategie" und tritt in Dokumentarfilmen ironisch
als Identitätsbetrüger auf.
In der Galerie "Champions League" wird die Kunstszene einer ironischen Behandlung
unterzogen. Amel Ibrahimovic hat auf eine bewusst amateurhafte Weise Eingriffe in
Fotografien berühmter Fußballmannschaften vorgenommen, indem er die Gesichter der
Sportstars mit bekannten Gesichtern aus der Kunstwelt ersetzt hat. Somit eröffnen die
kleinen bescheidenen Bilder eine kritische Perspektive auf das Spiel der Kunstwelt, mit
deren Kommerzialisierung, Konkurrenz, Karriere, Kontakten, Ruhm, Starrummel und vielleicht
sogar auf die Unterhaltungsindustrie?
Die Fotografie wird gerne auf Grund ihres mythologischen Statuses als "unmittelbare
Referenz zur wirklichen Welt" eingesetzt. Aber die Fotografie ist bekanntermaßen kein
neutrales Registrieren der Wirklichkeit. Das Dokumentargenre wird wegen seiner
verführerischen Realitätseffekte gerne benutzt, aber wird gleichzeitig von den oben
genannten Künstlern thematisiert und problematisiert. Andere Künstler, wie der Norweger
Torbjörn Rødland und der Finne Jouku Lethola haben indes ein weniger problem-orientiertes
Verhältnis zur Fotografie als Medium. Letholas Portraits zeigen stark tätowierte Menschen
und bilden die Subkultur im klassisch sozialdokumentarischen Stil ab. Rødlands Serie von
Fotografien geht mehr in Richtung des "künstlerischen" Portraits, und ist formell gerahmt.
Aber auch hier hat Rødland "exotische" Motive in einer Subkultur gefunden: Norwegische
Death Metal Musiker, die sich im Besitz schwarzer Macho-Kräfte aus der nordischen
Mythologie wähnen, sind in der norwegischen Landschaft aufgestellt und verewigt. Wenn
diese Bilder also nicht die Fotografie als Genre herausfordern, so fordern sie doch
gewohnte Vorstellungen von der nordischen Kultur und Natur heraus.
Die tiefe Symbolik findet sich auch in den Installationen von Marco Evaristti und Khaled
D. Ramadan mit Verweisen auf Drogenschmuggel in Südamerika und der buchstäblich globalen
amerikanischen Dominanz. Und zum Schluss ein Werk, das abseits von den übrigen Variationen
zum Thema "Sozialrealismus" und ethnologischen Strategien zu stehen scheint: Melek Mazicis
poetische Installation "Reflections". Auf deren schwarzer Oberfläche sehen wir eine
Spiegelung, uns selbst vielleicht?
Mit der Ausstellung CLOCKWISE - Neue Gegenwartskunst aus dem Norden haben die beteiligten
Museen eine Reihe Kunstprojekte eingeladen, die unterschiedliche Positionen zum nordischen
kulturellen Feld widerspiegeln. Künstlerische Positionen, die eine weitere Beschäftigung
und Diskussion ermöglichen und damit einen kleinen Beitrag zu der großen Aufgabe, die
Demokratie zu bewahren, geben, so wie es der argentinische Philosoph Ernesto Laclau
formuliert hat: "To transform the forms of identification and construction of subjectivity
that exist in our civilization".
Dr. Malene Vest Hansen, Kunstkritikerin und Professorin für Zeitgenössische Kunst an der
Universität Kopenhagen, Dänemark
 

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