

Stine Høholt: CLOCKWISE New Nordic Contemporary Art: Einleitung
 

Die neun zeitgenössischen
Künstler, die in dieser Ausstellung präsentiert werden, arbeiten alle beeinflusst von
neokonzeptuellen Avantgardeströmungen des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Sie beleuchten
auf sehr verschiedene Art und Weise Tendenzen und Strömungen innerhalb der kulturellen
Debatte. Hierbei steht das Verhältnis zur Globalisierung im Mittelpunkt. Obwohl sie in
einer kunsthistorischen Tradition verankert sind, bewegen sich die Künstler in einem
erweiterten kulturellen Feld, bei dem in der künstlerischen Praxis anthropologische und
soziologische Fragestellungen und nicht Ästhetik und Form im Zentrum stehen. Die sowohl
humoristisch wie melancholisch gestimmten Kunstwerke ergeben ein ethnographisches
Abbild, "Mapping", des kulturellen Feldes, das direkt oder indirekt von der neuen
internationalen Ordnung geformt wurde. Diese Werke beschäftigen sich mit den Folgen der
Globalisierung, nicht nur für die Gesellschaft, sondern auch für jeden Einzelnen.
Bei den in CLOCKWISE ausgestellten Werken existieren kulturelle Mobilität, eine fehlende
Identifikation und flüchtige Begegnungen gleichzeitig mit verschiedenen Formen von
"Introvertiertheit", einer Fokussierung auf persönliche Erinnerungen bei dem Versuch
sich eine Identität aus einem vielfältigen und sich widersprechendem kulturellen Erbe zu
formen. Andere Formen der Introvertiertheit findet man in Werken, die sich mit Hilfe von
Parodien oder Plattitüden der "eigenen" Kultur bedienen, oder die das spezifisch
Nordische zu einem Zeitpunkt untersuchen, wo dies nicht mehr selbstverständlicher
Ausgangspunkt der individuellen Identität ist.
Mit dieser Ausstellung zeigen wir ein differenziertes Bild der Nordischen
Gegenwartskunst. Die Auswahl der Werke erfolgte um die Vielfältigkeit der verschiedenen
Medien, wie auch der kulturellen Perspektiven zu zeigen. Aber vor Allem demonstrieren
die Künstler verschiedene Einstellungen in unserer Zeit zu Mobilität,
Internationalisierung und neuen subkulturellen Gemeinschaften, die entstehen während
traditionelle und kulturelle Bindungen an Kraft verlieren.
Wie jeder Zeitungsleser wissen wird, findet der gestiegene kulturelle Austausch zwischen
dem Norden und dem Rest der Welt unter anderem in Form von Einwanderung statt. Genauso
wichtig, aber weniger beachtet, ist die zeitliche und räumliche Komprimierung, die die
kulturelle und besonders die technologische Entwicklung der letzten 50 Jahre mit sich
gebracht hat. Durch die Massenmedien macht sich eine globale Markenkultur mit den
dazugehörigen Pop- und Sport-Sternen mit einer bisher ungehörten Kraft in unserem
Bewusstsein breit. Gleichzeitig haben Subkulturen verschiedenster Art
Zugehörigkeitsbindungen zu geographisch-kulturellen Regionen aufgelöst, wobei die
Techno- und Hip Hop- Kultur die augenfälligsten, aber längst nicht die einzige ist. Auch
in diesem Sinn ist der Norden Teil der übergeordneten globalen Realität geworden.
In den nordischen Ländern ist "Ethnizität" und "kulturelle Identität" hauptsächlich von
der politischen Rechten im Zusammenhang mit Asylanten und Einwanderern definiert worden.
Grob gesagt, haben sich die nordischen Länder als vom "Süden" bedroht gesehen. Aber die
heutige politische Reaktion richtet sich nicht nur gegen die Mobilität als ein Teil der
Globalisierung, sondern in gleicher Weise gegen die Erosion kultureller Gemeinschaften.
Meist handelt es sich um eine Kritik an der Moderne: Man reagiert kritisch auf
gesellschaftliche Rationalisierungen, deren Disziplinierung und die zunehmende
Komplexität der Strukturen, indem man auf vor-moderne Gesellschaften oder auf neue
Subkulturen der Globalisierung hinweist. Aus dieser Perspektive heraus, wurde der "alte
Norden" zu einem nostalgischen Traumbild, schon bevor die Einwanderung in den 1960er
Jahren richtig in Fahrt kam. Nichts desto weniger hat man nur in geringem Ausmaß den
Blick nach Innen gewendet, hin zur nordischen Identität, oder zur Seite, hin zu
internationalen Jugend- oder Sub- Kulturen, wenn man die Auswirkungen der Globalisierung
für den Norden diskutiert hat. Auch sie sollten berücksichtigt werden, denn wenn man die
Frage diskutiert, wie sich die kulturelle Identität in einem skandinavischen Kontext
verändert. Auf welche Weise bereichert, verändert und fordert die kulturelle
Globalisierung unsere nordische Identität und unser Zugehörigkeitsgefühl heraus? Die
Frage ist nicht leicht zu beantworten, besonders dann, wenn man nur eine vage oder
vielleicht gar keine Idee davon hat, was eigentlich das Nordische "an sich" ist. So wie
es für mehrere Generationen der Fall ist, die mit amerikanischer Musik im Radio und
Chinesischen Sandalen an den Füßen aufgewachsen sind.
Die ausgestellten Werke zeigen den Bedarf einer kulturellen Selbstreflektion auf, wo man
sich und seiner eigenen Kultur Fragen stellt, ohne das man vorgefertigte Antworten
bereitliegen hat. Diese Selbstrefleksivität der Künstler ermöglicht es die nordische
Identität mit ihren Unterschieden und Nuancen zu sehen. Und somit die Möglichkeit, der
Diskussion über Einwanderung, Subkulturen und die neue Internationalisierung in einem
künstlerischen Zusammenhang neue Facetten zu verleihen.
Kulturelle Selbstreflexivität und ein melancholisches Mapping bestimmter kultureller
Umgebungen zeichnen die Arbeit des finnischen Fotografen Jouko Lethola aus. Letholas
Serie "Marked Skin", die hier zu sehen ist, präsentiert einige der am stärksten
tätowierten Finnen und einen für die meisten Betrachter grotesken Drang sich zu
dekorieren und für das Leben zu zeichnen. Gleich ob alt oder jung, die Menschen die
Lethola zeigt, überschreiten die persönlichen Grenzen des Körpers. Durch diesen Akt
tritt der Tätowierte gleichzeitig einer subkulturelle Gemeinschaft bei. Dies ist kein
besonderes finnisches Phänomen, sondern Teil einer globalen Subkultur, die in einer
Zeit, wo sich traditionelle Gemeinschaften in einem Auflösungsprozess befinden, neue
Zugehörigkeiten schafft. Der Drang der Piercing- und Tatoo- Kultur neue Formen einer
"authentische Identität" zu finden, entsteht in einer Welt, die alles andere als
authentisch und homogen ist, in der traditionelle Identifikationsmerkmale bedroht sind.
In anderen Fotoserien hat Lethola gesellschaftliche Randgruppen festgehalten: In der
Serie "Young Heros" (1995 - 96) Jugendliche und deren gewalttätige Trinkgelage. Oder in
der neuesten Serie, die sich wie die nüchterne Registrierung von Brandmalen auf der
Kleidung junger Drogenabhängiger ausnimmt, die entstehen wenn sie sich im Rausch mit
Zigaretten verbrennen.
Jouko Letholas "Mapping" unterschiedlicher Subkulturen ist mit den Fotografien des
norwegischen Künstlers Torbjørn Rødland verwandt. Im Projekt "Black", das wie weitere
Werke bei CLOCKWISE erstmals öffentlich ausgestellt wird, untersucht Rødland eine der
umstrittensten Subkulturen Skandinaviens, nämlich die Death Metal Musik Szene. Anfang
der 1990er Jahre wurde Norwegisches Black Metal zu einem Phänomen der internationalen
Untergrundszene. Der Stil ist schnell, die Texte sind inspiriert von Satanismus und
vorchristlicher Mythologie. Hier wird einem Weltbild Ausdruck verliehen, das bewusst an
das Böse und die Dunklen Kräfte im Einzelnen und im nordischen Erbe appelliert. In
Norwegen überschatteten die kriminellen Handlungen der Musiker das musikalische
Engagement der Band. Das Überrascht nicht, denn seit 1992 wurden 40 Stabkirchen durch
deren Anhänger abgebrannt. Acht Mitglieder der Szene sind zu Gefängnisstrafen verurteilt
worden, darunter zwei für Mord. Rødland interessiert sich nicht für die Skandale um die
Musiker, sondern ihn interessieren die mythologischen Vorstellungen vom Norden, die sich
an "Norwegian Black Metal" knüpfen. "Nach meinen Arbeiten mit einem Fokus auf Schönheit,
Reinheit, Unschuld, LICHT, war es für mich interessant mit dem Teufel in den Wald zu
gehen", sagt Rødland, der sich zuvor mit unseren Vorstellungen von der unschuldigen
nordischen Landschaft beschäftigt hat.
"BLACK" besteht aus Porträts von vier Musikern der norwegischen Black Metal Szene mit
den Künstlernamen Frost, Fenriz, Abbath und Infernus. Auch wenn jede dieser Figuren eine
starke persönliche Geschichte hat, macht es Sinn diese jungen Legenden als Metaphern für
andere, fundamentale Erzählungen des Nordens zu sehen. Für die Öffentlichkeit verkörpern
sie die erschreckende Faszination von neonazistischem Gedankengut, nordischem Asa-
Glauben und Black Metal Musik und aktivieren so unsere Vorstellungen, davon was es
heißt, Nordisch und Böse zu sein, sagt Rødland. In diesem Sinne weisen die Bilder auf
eine romantische Schreckvorstellung einer verdrängten, dunklen, dämonischen
Spiritualität hin, die angeblich unter unserem ausgewogenem Wohlfahrtsstaatsmodell und
unter "gesunden" Marken wie Nokia, Bang & Olufsen, Ikea und Ericsson schlummert. "BLACK"
steht für die Vorstellung, das es als Kehrseite der globalen Nike-Kultur eine besondere
nordische Dämonie gibt. Die Werke von sowohl Rødland wie Lethola zeigen Gemeinschaften,
die Ausdruck eine gewollten Anti-Modernität sind. Sie schildern Individuen, die auf die
gegenwärtigen Bestrebungen nach Rationalisierung, Disziplinierung und
Internationalisierung reagieren, indem sie teilweise auf die Vor-Moderne zurückgreifen.
Ihre Werke drücken den Wunsch aus, zur rituellen Ekstase und zur Authentizität der
Stammes zurückzukehren und eine "modernen Stammeskultur" zu erlangen, die die vor-
nationale Zusammengehörigkeit einer Gruppe und einer globalen Subkultur ausdrückt.
Aus einem etwas anderen Blickwinkel heraus hat der französisch-dänische Künstler Colonel
(eigtl. Thierry Geoffroy) einige Jahre lang mit dem "Mapping" der Welt der Kunst und der
Kultur gearbeitet. Er ist dabei unter anderem auf die Vorstellung eingegangen, das eine
besondere, authentische nationale Identität existiert und sich mit der karikierten
Vorstellung von Ausländern über kulturelle Assimilation beschäftigt. Seine Werke sind
mit denen Letholas und Rødlands in dem Sinn verwandt, das die thematisierten
Gegenstände, sei es eine Kunstinstitution oder die Dänische Nation, als anthropologische
Felder behandelt werden. Aber bei Colonel ist es nicht die Subkultur, die im Zentrum
steht. Er beschäftigt sich mit dem "Durchschnitts-Dänen" und bestimmten kulturellen
Fragestellungen mit einem Fokus auf Intoleranz, irregeleiteter Freundlichkeit und
Doppelmoral. Humor ist ein zentraler Bestandteil seine fragmentarischen Werke, die uns
den Künstler auf eine sehr direkte Weise als Anthropologen oder, wie er sich selber
nennt, als "lustigen Soziologen" zeigen.
In dieser Ausstellung ist Colonel mit dem Videos "I want to look Danish, I want to look
like you" (1999), und "Invisible to the Ocultist Witnesses" (1999), die beide
Integration und Unterschiedlichkeit thematisieren und dem Kunstprojekt "L`imperméable"
(1999 - 2002) vertreten. Colonel ist ein Exponent für eine ausgeprägt prozessorientierte
und dialogische Kunst, die nicht der Forderung der Kunstgeschichte nach Schönheit und
Klassifikation nach Genres unterliegt, sondern stattdessen dem Betrachter neue Formen
der Kommunikation anbietet, indem sie sich mit langfristigen Aktivitäten am sozialen
Leben teilnimmt. Das Projekt "L`imperméable" ist Beispielhaft für diese Praxis. Es
besteht aus einer Reihe von Jacken mit aufgedruckten Texten und Bildern. Jacken, die der
Künstler in verschiedenen künstlerischen Situationen getragen hat: Bei Spaziergängen in
Paris, bei Kunstbiennalen in der ganzen Welt und in Videos wie dem hier gezeigten
"Invisible to the Ocultist Witnesses". "L`imperméable" ist Teil des nicht vollendbaren
mobilen und Institutionskritischen Projektes "Moving Exhibitions", das zum Einen eine
konzeptuelle Ausrichtung hat: Neue Strategien für das einzelne Kunstwerk und die
Ausstellungssituation zu schaffen, und zum Anderen eine Existentielle: Colonel hat mit
diesen Werken sein eigenes "Wunderkabinett" von intern miteinander verbundenen
Geschichten über ihn selbst, seine Kunst und die Welt um ihn herum geschaffen, die wohl
nur er mit allen Aspekten und Berührungspunkten verbinden kann. Colonels Kunstpraxis
manifestiert sich als eine Kategorien überschreitende Kunstpraxis, die durch Ethnologie,
Anthropologie, Publizistik und Kulturtheorie inspiriert ist. Das deutet darauf hin, das
selbst wenn die Kunst kein didaktisches Werkzeug ist, die humoristisch - künstlerische
Sprache doch die Möglichkeit besitzt, durch einige Ritzen zu dringen, durch die eine
didaktische Aussage nicht kommt. Seine Kunst, die über ihren fragmentarischen Charakter,
die vielen angesammelten Details, den Humor und die Ironie heraus eine klar produktive
Strategie verfolgt, konzentriert sich auf das Interesse verschiedene Formen
ideologischer, kultureller und sozialer Repräsentation aufzuzeigen und darzustellen.
Die übrigen Künstler der Ausstellung: Lilibeth Cuenca Rasmussen, Malek Mazici, Khaled D.
Ramadan und Simone Aaberg Kærn arbeiten auf unterschiedlichste Art und Weise mit den
gleichen Themenkomplexen wie die genannten Künstler. Sie arbeiten mit ihrer eigenen
Kultur oder mit einem existentiellen sich-mit-sich-selbst-arrangieren als ein Produkt
von Mobilität, Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen, eines regional-globalen
Bewusstseins, internationaler Subkulturen oder der immer noch gültigen Ambivalenz
zwischen Andersartigkeit und dem Selbst. Die der Globalisierung immanente
Doppeldeutigkeit von lokaler und globaler Dynamik wird in der Ausstellung deutlich.
Einerseits sind die Künstler Exponenten für eine Wiederbelebung lokaler und nationaler
Referenzrahmen und drücken sich alle in einer internationalen Formensprache aus.
Andererseits bedeutet das nicht, das ihre Werke nicht gleichzeitig lokale und kulturelle
Besonderheiten anerkennen und erforschen und somit darüber reflektieren, inwieweit das
Bewusstsein des globalen Zustands zu einer gestiegenen Aufmerksamkeit für lokale, oder
in jedem Fall existentielle oder regionale Besonderheit führt. Gleichzeitig macht die
Ausstellung die Komplexität des globalen Zustands deutlich. Diese ist nicht nur durch
den Konflikt und die Co-Existenz des Lokalen und des Globalen gekennzeichnet, sondern
auch durch das Etablieren verschiedener internationaler Subkulturen, die auf
unterschiedliche Weise genutzt werden können um sich neue post-nationale Zugehörigkeiten
zu schaffen. Die Arbeiten dieser Künstler erkennen auch an, das das Individuum in einer
Welt, wo traditionelle geographische Hierarchien raschen Veränderungen unterworfen sind,
wieder und wieder darauf angewiesen ist, sich vor dem Hintergrund seines eigenen
Erfahrungshorizontes zu entscheiden.
In diesem Sinne wenden sich die Künstler mit ihren Kunstwerken nach Innen, reflektieren
über das kulturelle Selbstverständnis, nicht um neue nationalromantische Denkmale zu
erschaffen, sondern als melancholische Ethnologen die zwischen distanzierter Beobachtung
und gesellschaftlichen Engagement wechseln
Ein herzliches Dankeschön an die beteiligten Künstler: Lilibeth Cuenca Rasmussen, Marco
Evaristti, Thorbjörn Rødland, Malek Mazici, Khaled D. Ramadan, Simone Aaberg Kærn,
Khaled D. Ramadan, Jouko Letholas, Colonel und Amel Ibrahimovic. Mit Enthusiasmus und
Engagement tragen sie zu unserer gemeinsamen sozialen Wirklichkeit bei und fordern uns
auf das gleiche zu tun.
Stine Høholt, Kuratorin, ARKEN Museum für Moderne Kunst, Dänemark
 

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