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Tomas Ivan Träskman: Exile on Main Street



In dem Film "Mies vailla menneisyyttä" (Der Mann ohne Vergangenheit) aus dem Jahr 2002 von Aki Kaurismäki gibt es eine Szene die uns trotz, oder gerade wegen ihrer Zurückhaltung die Chance gibt über die fragile Natur und Vergänglichkeit der Identität nachzudenken. Die Hauptperson des Filmes, die den größten Teil des Filmes ohne Namen ist, sitzt im Speisewagen eines Zuges. Er befindet sich auf der Schwelle zwischen einem alten und einem neuen Leben. Der Zuschauer weiß, das das neue Leben ein Leben zwischen den Gestalten am Rande der Gesellschaft Helsinkis, einer sich leise aber unerbittlich verändernden Metropole ist. Der namenlose Mann weiß das auch. Trotzdem erscheint dieser Ort gerade jetzt als der gastfreundlichste Ort der Welt. Nach seinem Tod und seiner Wiederauferstehung, nach dem Verlust seines Gedächtnisses und aller Ausweispapiere, nachdem er wie ein Schatten unter all den anderen Schatten gelebt hat, die die Armenviertel der Stadt bevölkern, weiß der Mann, das die Menschen, die an diesen Orten wohnen keine Stimme haben. Diese Gestalten ohne Stimme sind unterdrückt und sind doch gezwungen sich nach den Regeln und in der Sprache der Macht zu formulieren. Es ist diese Stille und die Reise hin zu dieser Stille, die ich zu beschreiben versuche, auch auf die Gefahr hin, mich wie der Sprecher für einen sozialen Kreuzzug anzuhören. Aber lassen Sie uns da weiter machen, wo wir begonnen haben.

Kaurismäki erschafft diese Lücke in der Darstellung indem er die Schauspieler reden lässt, als ob sie vom Blatt ablesen. Die Menschen im Film hören sich so an, als ob sie die Wörter von einem Zettel ablesen, der in einer Flasche an Land gespült wurde. Die Macht spricht aus der Entfernung und ihre Stimme ist auf eine merkwürdige Weise nicht lokalisierbar. Trotz ihrer Existenz in so stark begrenzten Körpern und unter so eingeschränkten Umständen plappern die Entrechteten nicht einfach wie ein Papagei bereits Gesagtes nach. Ihre Imitation der Sprache der Mächtigen ergibt eine buchstabengetreue und eine metaphorische Leseweise, durch die sich die übertrieben verwickelte Sprache selbst entlarvt. Ihre Darstellung, die die Sprache der Macht imitiert, enthüllt den unlösbaren Konflikt zwischen dem Freiwilligen und dem Unfreiwilligen, zwischen der Unmöglichkeit und der Notwendigkeit von Kommunikation. Aber lassen Sie uns zu dem namenlosen Mann zurückkehren. Er sitzt also im Speisewagen eines Zuges. Die Umgebung ist so wie wir uns an Speisewagen aus alten Zeiten erinnern: Wände, die mit dunklem Stoff bespannt sind, der Geruch von Küche und Zigaretten, Tische aus dunklem, lackiertem Holz, eine Beleuchtung, die kleine erleuchtete Inseln im Dunkel schafft. Der vereinfachende Blick der Gewohnheit sagt mir, das es sich hier um eine typisch finnische Umgebung handelt. Die Gesunde Vernunft sagt mir, das das unwahrscheinlich ist, aber doch nicht unmöglich. Sollte das essentiell Finnische nicht etwas zeitgenössisches sein und nicht ein Speisewagen aus den 50er Jahren? Heute, wo alles in seine Bestandteile zerlegt wird, und die Teile wiederum in ihre Teile, gibt es nichts mehr, das man mit nur einem Begriff erfassen kann. Der Kellner kommt und stellt eine Portion Sushi auf den Tisch, die der Mann ohne Namen nach allen Regeln der Kunst verspeist. Hier ist ein Ereignis, das nur die Spitze eines Eisbergs von Bescheidenheit ist. Eine Bescheidenheit, die einen Weg eröffnet: Denn jetzt ist der namenlose Mann ein Teil der Welt geworden, auch wenn das schwer zu begreifen ist.

Bitte entschuldigen Sie die etwas lange Beschreibung und die letzte Bemerkung zum Verständnis des Lesers. Eine Bemerkung, die gedeutet werden könnte, als ob ich im Leser, also in Ihnen ... bitte entschuldigen Sie nochmals, nun komme ich ins Stocken, als ob ich in Ihnen eine dieser sorgenvollen Gestalten, die zur Masse gehören sehen würde. Die Massen, die unter dem Banner der Notwendigkeit direkt in die Vergessenheit hineinrennen. Die Massen, die ihre Schlösser bauen um die große Welt auszusperren und die Welt nur in einer medial aufbereiteten und verdaubaren Form erleben. Ich hoffe nicht, das Sie dachten ich meine Sie, denn dann hätte ich meinen Ausdruck nachlässig gewählt. Ich behaupte nicht, das ich gut beschreiben kann, aber die Worte die ich wähle sind lebhaft und extravagant. Es erfüllt mich mit einer unerklärlichen Wut, wenn ich Leute höre, die vertraulich erklären: Die Welt ist komplex; Wir leben in einer hybriden Welt; Die Welt ist fragmentiert. Alle diese Phrasen verraten eine naive Einfalt, die versucht das Komplexe, das Fragmentarische, das Hybride in etwas alltägliches zu verwandeln. Das Ergebnis, das dann ans Licht tritt lebt von den Massen und hat kein eigenes Selbst. Ihm fehlt jegliche Individualität. Die Welt eröffnet sich uns Menschen als ein Füllhorn von Konsumartikeln die gekauft und beliebig wieder weggeschmissen werden können. Das Hybride, Fragmentierte und Komplexe verdeckt die wahren Machtstrukturen. Das ist natürlich im Sinne des global agierenden Kapitalismus.

In der globalen Gemeinschaft wird Identität aus der frei schwebenden Dreifaltigkeit von Reichtum, Macht und Image konstruiert. Die Jagd nach einer Identität ist zur wichtigsten Quelle sozialer Bedeutung geworden. Diese Jagd ist genauso allgegenwärtig wie die Folgen der technologischen und wirtschaftlichen Veränderungen, die in der letzten Zeit stattgefunden haben. Die Jagd nach einer Identität, sei sie kollektiv oder individuell, erarbeitet oder konstruiert, füllt mehr und mehr unserer Zeit aus. Es gibt soviel zu kommentieren, so viele Identitätswechsel, das es niemanden in den Sinn kommt, diese Erzählung anzuhalten und sich zu fragen, ob und für wen er existiert. Aber wer könnte sich das fragen, in einer Welt die alle abweichenden Meinungen zum Schweigen bringt. Wessen Stimme durchbricht die Stille, die es eigentlich nicht geben sollte?

Wenn die Namenlosen, die Obdachlosen, die Armen, die Heimatlosen in die Stille hineinschreien, kann die ertappte westliche Welt nur noch voller Nervosität Entschuldigungen und Ausflüchte stammeln wie: Das liberale, demokratische Projekt ist noch nicht vollendet. Wir arbeiten daran, wir entwickeln es ständig weiter, ... . Die westliche Welt macht weiter, so als sei nichts geschehen, denn sie sucht weiter angestrengt nach etwas, das sie schon gefunden zu haben behauptet. Aber es gibt auch Nischen in der westlichen Gesellschaft, die wie Sand im Getriebe sind. Ein Marketing Manager würde diese Nischen, Marktsegmente nennen, wenn ihnen nicht gerade das fehlen würde, was sie als Segment definiert: Kaufkraft. Innerhalb der Nischen ist Identität nicht durch Leere ersetzt worden - noch nicht muss man wohl hinzufügen. Die Menschen in den westlichen Metropolen sind nicht nur hübscher, sondern besitzen auch, so sagt man zumindest, ein ausgeglicheneres Temperament, eine bessere Arbeitsethik und eine angenehmere Persönlichkeit. Kurz um: Fitter und glücklicher. Im Westen hat man entdeckt, das Persönlichkeit eine Verpflichtung ist und sie mit einer polierten Leere ersetzt. Sich im Zustand der Veränderung zu befinden, wird zu einem universellen Dauerzustand. Wir sind Zeugen einer weltweiten Befreiungsbewegung: Nieder mit dem Charakter!

In diesen Nischen ist alles ruhig, oder mit den Worten des Zentrums gesprochen: Noch in der Entwicklung. All die Nischen die am Rande der Existenz liegen, wie ärmliche Stadtteile, wie Schlangen vor Essensausgaben und Flüchtlingslager bilden einen Saturnring um das Zentrum. Aber kein Teleskop blickt in diese Richtung. Die gesamte Menschheit, mit all ihrem Schaffen, ist auf das Zentrum ausgerichtet. Das Schweigen der Saturnringe, erinnert an die Gewalt mit der die Industrieländer die Spuren der Einwanderer aus ihren sozialen Strukturen löschen wollen. Die Einwanderer sind wie Kaurismäkis ungehörte Gestalten. Der Einwanderer ist wie der Außenseiter Kaurismäkis der einer Macht gegenübersteht, die er nicht wahrnehmen oder verstehen kann, aber die die Kraft hat ihn zu zerstören. Aber die Gefahr besitzt ihre eigenen Verlockungen, die Edgar Ellen Poe als Perversion bezeichnete. Tatsache ist, das wir alle dazu neigen uns im passenden Moment in den Abgrund zu stürzen, auch wenn der Verstand dagegen spricht. An irgendeinem Punkt erscheint uns unsere Identität plötzlich wie eine Mausefalle, in der viel zu viele Mäuse den gleichen Köder teilen müssen. Meist stellt sich heraus, das die Falle leer ist, wie es die Arbeiten von Lilibeth Cuenca Rasmussen und Colonel auf eindringliche Weise demonstrieren. Je stärker eine Identität ist, desto mehr schränkt sie ein, desto mehr widersetzt sie sich Erneuerung, Veränderung und Widersprüchen. Die Identität wird zu einem "netten Typen", festgefahren und festgelegt. In Colonels Arbeiten werden die Dänen nicht nur mehr dänisch, sie werden zu Hyper-Dänen, etwas das sie vorher nie waren. Ähnlich dem Speisewagen in Kaurismäkis Film werden die Dänen zu einer zivilisierten Version des Phantom- Fahrzeugs des Fliegenden Holländers. Diese Erscheinungen huldigen der Vergangenheit in einer Weise, wie es nur die wirklich Modernen je können. Wissend, das nur Touristen einer Identität hinterher jagen, werfen wir uns in den Abgrund. Was wird aus uns? Ein Ikarus? Ein Daidalos? Ein globale Ansammlung fliegender Holländer?

Wir leben in einer Zeit, in der Identität nicht mehr an einen bestimmten Ort gebunden ist, sondern wie eine Flüssigkeit ohne Fixpunkte überall auf dem ganzen Planeten fließt. Die allgegenwärtige Gesellschaft, das globale Dorf, gibt uns ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, einer vielfältigen Präsenz und einer ständigen Stimulierung, aber auch das Gefühl tiefer Entfremdung. Wir sind uns selber fremd geworden. Wir sind es, die hybride Charaktere geworden sind, und nicht die Welt. Wir sind urbane Individuen, rastlos in Bewegung, Vogelmenschen die versuchen zu fliegen, etwas das seit je her ein Traum der Menschheit gewesen ist. Während unsere Flügel schlagen und wir unsere Kreise ziehen, versuchen wir auch diesem Zustand zu entkommen. Im Traum zu leben, macht die Umrisse des Traumes nicht schärfer. Wir schweben umher und sehen wie die Identitäten miteinander spielen, aber sie kümmern sich nur um sich selbst. Der persönlichste Teil von uns wurde früher "Seele" genannt und noch früher "Geist". Später das "Ich" und heute "Identität". Die schreckliche Einsamkeit ergreift den Vogelmenschen meiner Meinung nach, weil wir zwar in einem Traum leben, aber keine eigenen Träume mehr haben. Träume, Utopien und Phantasien waren, auch trotz ihrer manchmal erschreckenden Folgen, etwas, das man mit anderen teilen konnte, vielleicht sogar das einzige.

Dieser konstante Mangel an etwas Dringendem und Forderndem wirkt wie ein starkes Betäubungsmittel, denn es lässt nur halluzinatorische Milde zurück. Was bleibt übrig, wenn wir unsere utopischen Wünsche und Gedanken verlassen und uns dem Reich der Normalität zuwenden? Antwort: Stille und eine tödliche Normalität. Stille wird geschaffen, indem man aufhört zu träumen. Aber können sich die Gesellschaften des Nordens diese Stille leisten?

Tomas Ivan Träskman, Kulturkritiker und Kurator, Helsinki



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